Hintergrund 2018-03-07T16:05:03+00:00

Hintergrund

Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) – einen grossen Schweizer und Europäer wiederentdecken

Gedenkjahre haben ihr Gutes, insbesondere wenn bei der betroffenen historischen Persönlichkeit Bedeutung und Bekanntheitsgrad meilenweit auseinanderliegen wie bei dem vor 150 Jahren, am 6. März 1866 in Aarau verstorbenen Arzt, Anthropologen, Philosophen, Rechtslehrer, Pädagogen und Politiker Ignaz Paul Vital Troxler.

In einschlägigen Sammelwerken wird er zwar gewürdigt, als grosser Helvetiker [1], als grosser Schweizer [2]; mindestens zwölf Dissertationen, drei davon aus den letzten Jahren, beschäftigen sich mit seinen Gedanken und Ideen auf verschiedenen Lebensfeldern; eine 1100 Seiten starke Biografie zeichnet die Spuren seines Lebens nach [3] und auf über 1200 Seiten werden seine wichtigsten politischen Schriften präsentiert, eingeleitet und kommentiert [4]. Aktuell bemüht sich ein Forscherteam an der Universität Basel um eine kontextualisierte Neuherausgabe seiner philosophischen und medizinischen Hauptwerke.

Zu Unrecht ist Ignaz P.V. Troxler bis heute in der schweizerischen und europäischen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben. Schon wenige Streiflichter auf sein Leben und Werk offenbaren die aussergewöhnliche Biografie und herausragende Bedeutung Troxlers.

Troxler war es, der

  • nachweislich von früher Jugend an sein ganzes bewusstes Leben in erklärter und gelebter Vaterlandsliebe der Entwicklung des demokratischen Staatswesens der Schweiz widmete («Freiheit des Vaterlandes war meine erste Liebe»),
  • bereits 18-jährig zum Sekretär des Regierungsstatthalters seines Heimatkantons berufen wurde und diesen an die Sitzungen des helvetischen Direktoriums begleitete [5],
  • nach einem Studium Generale der Naturwissenschaft und Philosophie [6] und Fachstudium der Medizin in Jena mit 23 Jahren in Augenheilkunde doktorierte [7] und anschliessend mehrere wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichte, die teilweise noch heute in der ophthalmologischen Literatur zitiert werden [8],
  • im Alter von 25 bis 29 Jahren fünf wissenschaftliche Abhandlungen über Wesen und Prinzip des Lebendigen verfasste, mit dem Fokus auf den Menschen und die auf diesen bezogene philosophisch gegründete und reflektierte Heilkunde, und damit als «frühreifer Denker» die Grundlage zu seinen späteren philosophischen Werken schuf [7],
  • als 30-Jähriger eine Berufung an die medizinische Fakultät der Berliner Universität und später weitere Berufungen an deutsche Universitäten ausschlug, um seine volle Kraft und Präsenz den Bedürfnissen seines Vaterlandes widmen zu können,
  • als 31-Jähriger mit seiner anthropologischen Schrift «Blicke in das Wesen des Menschen» eine philosophisch eigenständige, vielbeachtete Wesenskunde des Menschen entwickelte, die auch Goethe zu Betrachtungen und Kommentaren herausforderte,
  • 35-jährig ohne offizielles Mandat mit seiner jungen Familie nach Wien reiste, um am dort stattfindenden Europäischen Kongress seine Stimme für eine unabhängig-demokratische Schweiz zu erheben, die mit den restaurativen Zielen der offiziellen Schweizer Vertretung in scharfem Kontrast stand,
  • als Professor am Lyzeum in Luzern für seinen Unterricht eigene Lehrhefte schuf und als Nichtjurist eine «Philosophische Rechtslehre» verfasste, die noch heute rechtswissenschaftlich auf namhaftes Interesse stösst [9],
  • in einer selbst gegründeten Zeitschrift für Kultur und Politik drei grundlegende staatsrechtliche Aufsätze publizierte, über das Wesen der Volksvertretung, die Pressefreiheit und die Grundbegriffe des Repräsentativsystems,
  • ohne pädagogische Vorbildung [10] als Lehrer der jungen Elite in Luzern und Aarau ein pädagogisches Urtalent offenbarte, durch Vermittlung ethisch gegründeter Einsichten in den sozialen Organismus und zu dessen Fortbildung in seinen Schülern Begeisterung und Hoffnung weckte und dadurch eine kommende fortschrittliche Politikergeneration prägte,
  • tiefgründige Traktate und Fragmente zu Erziehungsfragen und Bildungspolitik verfasste, die noch heute als richtungsweisend gelten können [11],
  • mit seinem Vorschlag des Zweikammersystems für das eidgenössische Parlament [12] zusammen mit einem entsprechenden Verfassungsentwurf diejenige Staatsform und politische Kultur vorbereitete, die der Schweiz ihre Stabilität und Neutralität in den turbulenten Zeiten des Jahrhundertwechsels und des 20. Jahrhunderts sichern sollte.

Was an Troxlers Persönlichkeit besonders ins Auge springt, ist seine Universalität, sowohl in seiner Gedankenwelt als auch in seinen Taten: Arzt, Philosoph, Pädagoge, Politiker: Troxler war alles gleichzeitig. Schon mit 14 Jahren agierte er politisch («le jeune ami du peuple», «le petit patriote») [13], und er tat es bis an sein Lebensende (zwei Monate vor seinem Tod erschien seine Schrift: «Neujahrsgruss an die schweizerischen Eidgenossen und ihre Bundes- und Ständebehörden»). Seine bedeutendsten philosophischen Werke schrieb er während seiner Tätigkeit als Landarzt in Beromünster und als Pädagoge in Aarau, folgenreiche politische Interventionen, z.B. die Reise an den Wiener Kongress 1815, unternahm er privat als Bürger und Landarzt, und diejenige zugunsten des Zweikammersystems der Eidgenössischen Räte 1848 als amtierender Philosophieprofessor. Philosoph, Arzt, Volkspädagoge, Staatsrechtler, Politiker: Bei Troxler erscheinen diese Wirkfelder als Teile eines einzigen Ganzen, dessen unterschiedliche Fragestellungen, Erfordernisse und Beiträge sich gegenseitig bedingen und stützen. Troxlers Universalität entzieht sich der heute üblichen Persönlichkeitsbeurteilung nach Fachkriterien.

Troxlers Verdienste um die moderne demokratische, föderalistische Schweiz gründen in erster Linie in seinem politischen Kämpfertum. Nach Napoleons Sturz und der damit einhergehenden Neuorientierung Europas galt sein voller Einsatz der Verhinderung eines Rückfalls in die vorrevolutionären, restaurativen ständisch-oligarchischen Regierungssysteme in den Kantonen. Dabei kämpfte er ausschliesslich in Wort und Schrift, nach eigenen Worten «mit den Waffen des Lichtes», aus ethischen Motiven also, die klarem Denken und verantwortungsvollem Handeln entspringen.

Nachdem die Früchte seines Wirkens zum selbstverständlichen Allgemeingut des schweizerischen Staatswesens geworden waren, wurde der ehedem als Professor der Philosophie an der Universität Bern und als politischer Vordenker der Nation gleichermassen Hochgefeierte wie Umstrittene und Bekämpfte immer weniger beachtet und fiel schliesslich schon zu Lebzeiten weitgehend der Vergessenheit anheim. Vergessen wurde sein staatspolitisch wichtigstes Lebenswerk, darin bestehend, in unbeirrbar zähem und uneigennützigem Ringen auf die notwendigen politischen und sozialen Voraussetzungen hinzuarbeiten, die für die demokratische und geistige Ausrichtung der modernen Schweiz ausschlaggebend wurden.

Das 150. Todesjahr von Ignaz Paul Vital Troxler bot die willkommene Gelegenheit für Wissenschaft und Politik, sich mit dieser bedeutenden historischen Persönlichkeit wiederum näher zu befassen, ihres geistigen Erbes sich bewusst zu werden und zu fragen nach der heutigen Aktualität mancher seiner damaligen tiefsinnigen, überzeitlichen Botschaften. Der im Herbst 2017 gegründete Ignaz P.V. Troxler-Verein ist bemüht, das diesbezüglich Begonnene und Erarbeitete weiter zu entwickeln, zu pflegen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

[1] Wolfgang von Wartburg: Die grossen Helvetiker. Bedeutende Persönlichkeiten in bewegter Zeit. Novalis 1997
[2] Hans Rudolf Schweizer: Ignaz Paul Vital Troxler, in: Grosse Schweizer und Schweizerinnen. Gut Verlag 1990
[3] Emil Spiess: Ignaz Paul Vital Troxler. Der Philosoph und Vorkämpfer des schweizerischen Bundesstaates, dargestellt nach seinen Schriften und den Zeugnissen der Zeitgenossen. Francke Verlag 1967
[4] Adolf Rohr: Ignaz Paul Vital Troxler. Politische Schriften in Auswahl. Francke Verlag 1989
[5] Max Widmer: Ignaz Paul Vital Troxler, S. 24f, Verlag Rolf Kugler, Oberwil bei Zug 1980
[6] bei F. W. J. von Schelling, J.G. Fichte und G.W.F. Hegel
[7] Peter Heusser: Der Schweizer Arzt und Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866). Seine Philosophie, Anthropologie und Medizintheorie. Dissertation Universität Basel, Verlag Schwabe, 1984
[8] z.B. peripheral fading (“Troxler effect”)
[9] Marc Winiger: Evolution und Repräsentation: I.P.V. Troxlers System der rechtlichen und politischen Einheit im Kontext der Philosophie des deutschen Idealismus. St. Gallen 2011, und Lukas Gschwend: Philosophische Rechtslehre der Natur und des Gesetzes mit Rücksicht auf die Irrlehren der Liberalität und Legitimität, von Doctor Troxler. Neu herausgegeben und kommentiert. Königshausen und Neumann, 2006
[10] die Verehrung, die ihm von Seiten seiner jugendlichen Schüler zukommt, sucht seinesgleichen; vgl. dazu: «Die Bittschrift von Troxlers Schülern» in: Max Widmer, Hans E. Lauer: Ignaz Paul Vital Troxler, Verlag Rolf Kugler 1980, Seite 110ff.
[11] dazu: Willi Aeppli: Geistiges Schweizertum. Paul Vital Troxler. Aufsätze über den Philosophen und Pädagogen, Verlag Zbinden 1929, und Alfred Wohlwend: I.P.V. Troxlers Gedanken über Erziehung und Unterricht, Dissertation 1948, Universität Zürich
[12] I.P.V. Troxler: Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerikas als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform, Schaffhausen 1848 (37 Seiten, auszugsweise in: Rohr [4] [13] nach Troxlers autobiografischem Fragment, in Rohr [4] , sowie Andreas Dollfus: Ignaz Paul Vital Troxler. Geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz. Novalis Verlag 2005