Autobiographisches Fragment 2016-10-24T16:59:22+00:00

Autobiographisches Fragment von I.P.V.Troxler 

nach: Ignaz Paul Vital Troxler. Politische Schriften in Auswahl, eigeleitet und kommentiert von Adolf Rohr, Band I, Francke Verlag Bern 1989

in orthographisch nicht angepasster Originalschreibweise

Aus der Einleitung des Editors Adolf Rohr zu diesem Fragment:

Troxlers autobiographische Skizze, möglicherweise in Briefform an einen ungenannten Adressaten gerichtet, über die ersten zwanzig Lebensjahre reichend und datiert vom 12.Januar 1830, entstand unmittelbar bevor sich sein langgehegter Wunsch nach einem akademischen Lehramt im eigenen Vaterland erfüllte, nämlich durch die Berufung an die Universität Basel. (…) Es ist auch nicht festzustellen, wer mit der brieflichen Anrede «Mein Theuerster» gemeint war (…) Falls es sich hier um einen Brief, und zwar um einen ungewöhnlich umfangreichen, handelt und nicht um ein irgendwie fingiertes Stück, so bleibt der Adressat mangels zureichender Indizien offen. Im einleitenden Satz deutet Troxler immerhin an, man habe von ihm dringend eine Biographie gefordert, die noch bei seinen Lebzeiten erscheinen solle. Vielleicht liegt mit diesem Bruchstück von einem Dutzend engbeschrifteter Oktavblätter erst ein Entwurf vor, ein Ansatz, halb Brief in direkter Anrede wie zu Beginn, dann historischer Exkurs, im Übergang sogar mit der Redeform in der dritten Person über sich selbst, wie in objektivierender Distanz, dann mit der Schilderung persönlicher Jugenderlebnisse zur Ichform schwenkend, die bis zum Schluss, das heißt dem unvermittelten Abbruch der Skizze beibehalten ist. Er betont ausdrücklich das Fragmentarische seiner Notizen. Er gebe sie, wie sie ihm eben einfielen. Er wolle dem imaginären Porträtisten damit sitzen «ohne Hehl und Vorstellung» und warnte ihn zugleich: «sehen Sie zu, dass Sie treffen: denn werthvoll ist jedes in Wahrheit dargestellte Leben».

Auf jeden Fall stellt das hier aufgrund der Handschrift editierte biographische Fragment ein eindrückliches Zeugnis dar von der frühen geistigen Reife und dem entschiedenen und selbständigen, ja eigenwilligen Charakter des jungen Troxler. Insbesondere beeindruckt sein rasch gefasster Entschluss, auf eine frühe politische Karriere zugunsten eines anspruchsvollen Studiums zu verzichten. Es ist, wie wenn damit schon die Spannung zwischen den beiden Polen in seinem Leben anvisiert wären, zwischen Politik und Philosophie.

«Einige Hauptmomente aus meinem Leben.

Mein Theuerster. Aarau am 12. Jenner 1830.

Obgleich es mir vorkommt, als sollt’ ich lebendig begraben werden, wenn man mir von einer Biographie, die noch bei meiner Lebzeit erscheinen soll, spricht, so will ich doch, da Sie von Ihrer Forderung nicht abstehen, nachgeben. Da ich nicht wohl versagen kann, setz ich mich hin, und geb Ihnen Notizen, wie sie mir einfallen. Am Ende versteh’ ich mich auch lieber zu einer Biographie, als zu einem Necrologue – besonders wenn er von mir nach meinem Tode gefordert würde. Also ich will Ihnen sitzen ohne Hehl und Verstellung, sehen Sie zu, dass Sie treffen: denn werthvoll ist jedes in Wahrheit dargestellte Leben, und kein Mensch hat. wie jener Franzos oder Engländer sagte, ein so seichtes oder fades Leben, dass es nicht ein paar interessante Zeilen einer Universalbiographie, die am Ende die wahre Weltgeschichte ist, füllen könte. Mein Leben ist übrigens weder so seicht noch fad, wie das vieler Sterblichen und sogenannter Unsterblichen, und schliesslich mach ich es zur Bedingung, dass ich noch ferner lebendiger Zeitgenoss bleibe.

Beinahe mitten in der Schweiz, unweit von dem Marathon derselben, von Sempach, ietz auf halbem Wege der Landstrasse von Aarau nach Luzern, liegt ein kleiner Ort oder Fleken, genannt Beromünster, auf einsamer, durch gesunde Luft und frisches Wasser ausgezeichneten Bergeshöhe. Im siebenten Jahrhundert ward daselbst in Waldestiefe ein Kloster gegründet, von dem Grafen Lenzburg, welcher nach der Legende daselbst seinen letzten Sprössling auf der Jagd im Kampf mit einem Bären verloren. Das Kloster ward nachher in eine reiche, und wie sie sich schrieb uralt-adliche Korherrnstift umgeschaffen. Von einer mehr als 1000-jährigen Existenz weiss indessen die Geschichte nicht viel anders zu erzählen, als dass Mess gelesen, Chor gesungen, und flott gelebt worden. Das ruhmwürdigste Andenken haben die Chorstühle aus kunstreichem Schnitzwerk in Holz von einem Künstler, der den Hungertod gestorben sein soll, und die in einigen Werken fortlebende Erinnerung, dass Beromünster die erste Presse der Schweiz hatte, und von ihr die Kunst des Druckes in die ganze übrige Schweiz und benachbarte welsche Länder sei verbreitet worden. Der Drucker und Bildner Gehring und Krüsi waren Münsterer, und ausser diesen könnte noch mehr als ein tüchtiger Mann von dem kleinen Bethlehem sagen: Berona me genuit, genitrix praedara virorum. [1]

Im Jahre 1780, Mitte August, ward Ignaz Paul Vital Troxler daselbst geboren. Sein Vater (Josef Leopold Troxler, 1748–1786) war ein durch gesunden Verstand und Karakterfestigkeit ausgezeichneter Bürger, welcher in Münster Kleinhandel trieb. Dies Geschlecht Troxler ist wahrscheinlich im Ursprunge eins und dasselbe mit dem der Trachsler in Zürich und der Trachsler in Unterwalden, ein uraltschweizerisches. Zur Reformationszeit schon waren von dem in Münster angesiedelten Zweige mehrere, die sich der Wissenschaft und dem Beruf der Volksbildung gewidmet hatten, so z.B. die Schullehrer jener Zeit in der Gemeinde Schongau. Während andere eingewanderte Geschlechter, durch fremde Kriegsdienste, Pächterdienste usf. sich das Patriziat in der Republik erwarben, blieben Menschen dieses Schlages immer Plebeier.

Unsers Troxlers Vater starb frühe von einer Reise heimkehrend an einer Brustentzündung und hinterlies eine junge Wittwe mit 8 Kindern [2], worunter Paul Vital der älteste Knabe. Die Mutter verehlichte sich nicht wieder, sondern opferte ihr Leben der Fortsetzung des Gewerbes und der Erziehung ihrer Kinder [3]. Sie selbst war ohne eigentliche Bildung, aber eine Frau von seltener Geisteskraft und vortrefflichem Gemüthe.

Meine tiefste Rükerinnerung ist der Todesfall meines Vaters. Es ist mir, als hätte ich ihn zum ersten Mal und sonst nie, auf dem Sterbebette gesehen, und so war der Tod der erste Gegenstand meines Staunens und Nachsinnens geworden. Meine Kindheit und erste Jugend war sehr traurig. Ich lernte die Welt nur in dem Hause kennen, das in Trauer versunken war und mit den ungünstigsten Umständen zu ringen hatte. Nicht nur ward die Hoffnung des Ganzen auf jedes der Talente gebaut, das ich bliken liess, sondern auch all die weniger in den schlechten Schulen jener Zeit, mehr aber durch Privatfleiss errungenen Kenntnisse sogleich für Hausbedarf und Gewerbsgeschäfte in Anspruch genomen. So erlangte ich aber früh eine für diess Alter seltene Menschen- und Weltkenntniss, und Gewandtheit im Umgang und Verkehr. Im Alter von 9 Jahren kam ich schon in die Stiftsschule: mein Taufpathe, ein Geistlicher, war mein Lehrer, ein Pädagog von der alten gestrengesten Art, der es sich zur Pflicht machte, bei mir Vaterstelle zu vertreten, das heisst, mich noch weit tyrannischer als alle übrigen zu behandeln. Wenn ich auch immer in jedem Betrachte der erste unter meinen Mitschülern war, hatte ich stets die grössten Verweise und die härtesten Strafen auszuhalten. Das wirkte auf mich sonderbar. Ich war von Natur ungemein rasch, laut, lebhaft, heftig und offen; ietz ward ich zahm, still, duldsam, eingezogen und schüchtern. Ich erinnere mich, dass diese äussere Umstimmung meines Wesens in mich kam, weil ich meine Mutter innig liebte, und ich kann wohl sagen, des Eindrucks wegen, den meines Vaters Tod auf mich gemacht hatte, mit einer Art von zärtlichem Mitleiden behandelte. Alles konnt’ ich ertragen; nur sie durfte nicht wissen, dass ich gestraft worden, weil ich fürchtete, sie möchte einen Augenblick zweifeln, dass ich ihre Hofnungen erfüllen und ihre Stütze werden würde. Sie erfuhr nie, wie grausam man in der Schule mit mir umgegangen, als wenn ich nachts etwa im Traum aufschrie und jammerte. Die Schule war eine wahre Klosterschule, in der man nichts als Latein lernte. Dabei mussten die Schüler alle wie die Novizen in Klöstern, zweimal täglich wenigstens die Kirche besuchen, und im blauen Mantel gehüllt im Chor die Horen, das Amt, die Vesper, Complet usf. mitmachen, an Sonn- und Feiertagen auf der Orgel singen oder geigen, an hohen Festtagen all die Ceremonien und Prozessionen mitmachen. Da hatt ich denn immer eine der Hauptrollen zu spielen, zu Ostern als Jünger, am Fronleichnamsfest als Engel, an dem Auffahrtstage als Cavalier zu Pferd sitzend und umreitend usf. Und so wenig all dies meinem Sinn zusagte, so gab ich mir alle nur erdenkliche Mühe, meine Aufgabe recht gut zu lösen. Zum Glük fasst ich die Sache dramatisch und theatralisch auf, und nur dadurch ward sie für mich unschuldig und sogar bildend. Ebenso war es mit den Messen, Psalmen, Litaneien, Antiphonien, Salven, Chorgesängen usf. Bald wusste ich alle auswendig und kannte das Rituale und Diarium, den ganzen Stil und Cyclus der Kirchenordnung, dass ich Propst und Kapitel, Canonici und Kapläne in all ihren Funktionen und Paraden hätte ordnen und leiten könen. Manches ergriff mich aber auch tief und innig, und ich wusste mir erst sehr lange nachher zu erklären, warum ich oft ein Requiem oder ein Magnificat, ein Gloria oder Benedictus, ein Stabat mater oder ein Dies irae, ein Kyrie oder Sanctus, ein Agnus Dei oder Salve regina usf. so unendlich schön fand, dass es mir immer wieder und wieder in der Seele nachtönte, dass ich, mit dem Kirchendienst nicht befriedigt, zu Hause, wenn ich nicht Conti schreiben, den Laden hüten, oder mit Aufträgen in den nächsten Dörfern herumlaufen musste, mir Altäre und Chöre und Orgeln baute, und Schulgespän einlud, um zu singen und zu beten, und dies oder jenes hohe Fest aufzuführen. Während also Jedermann dem Anschein nach in mir einen Geistlichen prognostizirte und ich selbst dies als das Höchste anstrebte, regte sich in mir ein geheimer gewaltiger Trieb nach einer andern Richtung. Die Natur und die Welt und das Leben in ihr zog mich auch mächtig an. Ich machte mir anfänglich selbst Vorwürfe darüber, dass ich eben so viel Freud empfand, in einem Wald herumzuirren oder an einem Bach zu liegen, als meine geistlichen Offizien zu verrichten. Der irdische Himmel, Berge und Thäler, Thierwelt und Pflanzenwelt fingen auch an mich anzusprechen, und da mir Niemand was davon sagte und ich mich zu fragen schämte, machte ich mir selbst meine Systeme, Erklärungen und Theorien darüber. Da ich selbst nichts von der Existenz einer Naturlehre und Naturgeschichte wusste, warf ich mich aus der Lektüre von Legenden auf die von Reisebeschreibungen, Geschichtsbüchern, Romanen und Schauspielen. Deren suchte ich ietz so viel als möglich habhaft zu werden. Dazu gesellte sich aber auch ein gewisser Thatendrang, wodurch ich und mit mir zwei andere auf gleiche Weise erzogene Knaben für unsere klösterliche Eingeschränktheit uns Luft zu machen suchten. Wir drei haben einen Bund geschlossen und uns verschworen, an allen Vorabenden der Markttage, weil wir dann am unbewachtesten waren und an dem kleinen Orte sich am meisten Stoff und Anlass bot, einen losen Streich auszuüben.

Drei Jahre lang ward sieben Mal in jedem treulich das Versprechen gehalten und von der geheimen Gesellschaft wirklich einige ihrer Erfindung und Possirlichkeit wegen nicht gemeine Stüke ausgeführt, ohne daß wir je ertappt worden. Es war dies für uns eine Art von Zurückversetzung in Naturzustand und wir freuten uns oft lange zuvor auf diese Freitage von unsers Lebens gemeiner Prosa. Von dieser Zeit an fing ich an in mir zwei Menschen inne zu werden, nicht aber, wie man gewöhnlich lehrt, einen guten und einen bösen; nein einen, der ich selbst von mir aus war, und einen, wozu mich andere gemacht hatten. Als jener war ich in mir selbständig, nur von meinem Innern abhängig und darein mich gerne vertiefend, dabei dann kühn, heiter, beweglich und unternehmend; als dieser aber war ich unfrei und gedrükt, verschlossen, umsichtig, bedächtlich, still und ganz nach den Umgebungen und Einflüssen gerichtet und bestimmt. Bei so bewandten Umständen der Erziehung versinkt der erste Mensch in den meisten unter dem zweiten, und die welthistorischen Mönchsmaximen: bene discere de Priore, face re officium suum taliter qualiter, sinere mundum ire, quomodo vadit, werden herrschend und überwältigen die armen Seelen. Ein geringfügiger Zufall gibt aber kräftigern Naturen wie Federn, die sich nur auf einen gewissen Grad comprimiren lassen, einen ganz entgegengesetzten Ausschlag. Fast jeder Gerettete wird solch einen Wendepunkt, solch eine geistige Cülbüte in seiner Entwiklung, wie der Embrio im Mutterleib macht, solch einen Salto mortale aus der Abhängigkeit zur Selbständigkeit, der für sein Leben entscheidet, in sich finden, verius, ocius. [4]

Ich hatte einen Oheim im Kloster St. Urban, einen sehr geistreichen und freigesinnten Ordensmann, Pater Gregor, der seiner Gesundheit wegen von der Pfarre Stürzelbrunn im Elsass, wo er vom Kloster ausgesetzt war, ins Kloster wieder zurückgekehrt, mich alle Ferien zu sich beschied. So bracht ich alle Herbste mehrere Wochen in St. Urban zu, und zwar meistens entweder einsam in der Zelle bei dem kranken aber lebensfrohen Onkel, der sich selbst elektrisirte und mich die Wunder der Elektrizität und viel Anderes aus der Physik kennen lehrte, oder in den Gängen, welche mit einer Menge von Gemälden behängt sind, wo ich die Geschichte der Kreuzzüge in ihrer Abbildung studirte, oder in den Pflanzengärten, oder in den Geflügelhöfen usf. und so ward dies Kloster für mich die erste Akademie, aber noch mehr als dieses. Es war die Zeit der grossen französischen Emigration. und das gastfreundliche heitere Kloster unter seinem hochsinnigen Abt Glutz wimmelte von Prinzen Grafen, von Chanoines und Abbés [5]. Tag für Tag war Mittags und Abends grosse glänzende offene Tafel. Der Abt, der mich sehr lieb gewonnen hatte, und mein Onkel wollten, dass ich immer auf der Abtei speisen sollte.

Ich musste wollend oder nicht: das allein störte meine Seligkeit, war für mich eine grosse Qual, aber auch ein wahres Glück. Eines Tages kam ich in die Nähe des Prälaten und Kanzlers zu sitzen. Ich war betroffen, still, und erröthete bei jedem Tritt eines Bedienten hinter mir und beijedem Wort, das an mich gerichtet ward. Der Kanzler weidete sich an der Verlegenheit des stillen und schüchternen Knaben. und neckte mich auf alle Weise. Als es aufs Aergste kam, und ich vor Schaam und Wuth mich kaum mehr zu halten wusste, blikt mich der Prälat freundlich lächelnd an, und ermuntert mich, doch nur zu sprechen. Das Gleiche that der Klosterarzt Ruckstuhl. neben dem ich sass und verspricht mir beizustehen. Und ich breche los, und antworte, und antworte wieder und zwar, wie man sagte, treffend und witzig, scharf und bitter und mit einer Geläufigkeit und Stärke des Worts, dass die ganze Gesellschaft still und aufmerksam ward, meine wirklich besiegten Gegner belachte und mir laut rauschenden Beifall gab. Das entschied für mein Leben; ietz war Scheu und Blödigkeit wie durch einen Zauber gebrochen und ich mir selbst gegeben, und frei bewegte ich mich fortan nach meinem eigenen Sinn und Trieb. Die Verwandlung war so auffallend für andre in der äussern Erscheinung wie für mich in meinem Selbstgefühl. Die seligsten Tage und Wochen verlebte ich nun alIe Jahre einmal in diesem Kloster und lernte da in den Ferien mehr als oft in der ganzen Schulzeit. Noch zweifelte inzwischen niemand, dass ich nicht ein Heer (sic), d.h. ein katholischer Geistlicher werden würde, ich selbst kaum, da dies damals das höchste Ziel der Studirenden zu sein schien.

In meinem zwölften Jahr kam ich nach Solothurn ans Gymnasium, welches nach der altjesuitischen Einrichtung, die R. Glutz in einer eignen Beschreibung dargestellt hat, jeder Schulklasse Lehrer gab: doch erhielt man hier nun wenigstens in allen Fächern den Elementarunterricht. und bei dem auf einer gränzenlosen Wissbegierde beruhenden Fleisse machte ich wirklich in Zeit von zwei Jahren, die ich da glüklich zubrachte, sehr erfreuliche Fortschritte. In meinem Kosthause hatte mich das Geschik wieder – denn Solothurn war das schweizerische Koblenz [6] – mit der grossen französischen Emigrantenwelt zusammengebracht. Gleichsam spielend lernte ich da im Umgange Sprache und Sitten kennen, und dies lenkte zumeist meine Aufmerksamkeit auf das grosse Ereignis der französischen Revoluzion und ihre Folgen für mein Vaterland. Ich fing an das Allgemeine zu fühlen und selbst zu denken, ich las deutsche und französische Tagesblätter, meine Freiheitsliebe erwachte, und da ich bereits wenigstens die Grundzüge der Geschichte Roms und der Schweiz. so wie schon früher die der Israeliten kannte, so ward mir damals schon der Zustand der Entartung Europas sichtbar, und ich sympathisirte tief mit den neuen Regenerationsversuchen und den damaligen Hoffnungen aller Menschenfreunde. Da ergriff ich Partei und bildete (Niemand wusste, wie dieser Geist in mich gefahren) oft am Tische die Opposition gegen die Marquis und Barone der Emigration; fand auch nicht selten meiner kindlichen Unbefangenheit wegen sogar Beifall bei denen, welche ich angriff und bestritt. Sie liebten und schäzten mich alle und nannten mich den kleinen Patrioten oder jungen Volksfreund. Und wirklich: Freiheit des Vaterlandes war meine erste Liebe.

Inzwischen war ich für die höheren Schulklassen der sogenannten Poetik und Rhetorik reif geworden. Bei der gleichen Schulorganisation, welche damals auch in Luzern herrschte, waren diese Klassen durch zwei ganz vorzügliche Männer Thaddäus Müller und Regis Krauer [7] bestellt. Sie zogen mich an, und ich begab mich nach Luzern in die Studien. Es waren im eigentlichen Sinn Humaniora, die uns hier gegeben wurden, wie damals wohl an wenig Orten der Schweiz. Unter einer grossen Zahl vorzüglicher Schüler errang ich mir in beiden Jahren den ersten Platz und alle Preise, ausgenommen die zwei aus Katechismus und Arithmetik. Man bediente sich ietz auch meiner zu Hauptrollen in dramatischen Spielen, die alle Jahre von den Studirenden zum Schulschluss öffentlich aufgeführt wurden, und auch da fand mein Auftreten Beifall und machte mich zuerst meinen Mitbürgern bekannt. Ich erwähne dessen, weil es mein erster Eintritt in die Welt der Oeffentlichkeit war.

Ietz brach die Revolution auch in mein Vaterland ein. In ihr hatte ich gegensätzlich zu den oligarchisch verdorbenen Regierungen der Schweiz die Freiheit gesehen, aber mit Schmerz sah ich auch die Fremden auf heimischem Boden, und die Glorie der Unüberwindlichkeit, wenn auch nicht der gröstenteils gegen den Sturz der aristokratischen Usurpation gleichgültigen Nation, doch in den Händen der selbst unter sich entzweiten Machthaber welken. Basel war gefallen, Luzern wich der Gewalt der Umstände, Bern zog ins Feld zum Kampf. Dies gab mir Anlass zu dem ersten publizistischen Versuch, zu einem Gespräch zwischen dem wilden Mann und dem Bären, den Staatsemblemen von Luzern und Bern, welches bei den damals wegen der Aussicht auf die neue grösere Laufbahn liberalisirenden Junkern Meier, Rüttimann und Keller [8] grossen Beifall fand. Der Strom der grossen Ereignisse hatte mich im Studium der Logik und Physik überrascht und unterbrach nun dasselbe. Meine Mutter zog mich in den ungewissen und stürmischen Zeiten nach Hause. All meine Geschwister bis auf meinen jüngern, für Fortsetzung des Gewerbes bestimmten Bruder waren gestorben, und mir mit diesem lag nun wieder die Besorgung des Hauswesens ob [9]. Dazu ward ich kaum 18 Jahre alt zum Kriegscommissär des Bezirks und zum Secretair des Unterstatthalters ernannt, und ich darf wohl sagen, mit Ausnahme der Representation versah ich die beiden Stellen, und kam in vielfältigen, oft gefahrvollen Verkehr mit den französischen Heeresbehörden, mit dem Volke und mit den Regierungen. Die Zeit und die Stimmung hatte sich sehr geändert. Ich hörte die Luzerneroligarchen das Evangelium der Freiheit, Gleichheit und der Menschenrechte verkünden und sah Chorherrn und Kapläne mit Bürgern und Bauern um den Freiheitsbaum tanzen. Ich trug den Ruhm von grosser Geschäftsgewandtheit, seltener Mässigung in Gesinnung und Tat, mit immer entschiedener, muthiger Energie davon. Der Regierungsstatthalter des Kantons, Rüttimann, und der Unterstatthalter Keller zeichneten mich aus und ruhten nicht, bis sie mich nach Luzern in ihr Bureau gezogen, wo es mir, wie keinem meiner acht Mitarbeiter gelang, stets sowol im Sinne des geschmeidigern Diplomaten wie des strengern Republikaners zu arbeiten.

Rüttimann riss mich daher auch bei dem ersten Umguss der einen und untheilbaren Republik, als er ins Direktorium kam, mit sich als Privatsecretair nach Bern fort, und wollte mich, seinen Liebling, in der politischen Kariere erhalten und fordern. Allein bei aller Wirksamkeit nach aussen fühlte ich eine innere Leere und Schaam, dass ich noch so jung und unreif mit regieren und das Schiksal eines Volkes mitbestimmen helfen sollte. Heiss erwachte in mir wieder die Sehnsucht nach Studium und Ausbildung, und das Willkürliche und Heuchlerische, sowie das Schwankende in Diplomatik und Politik fing an, mir Grausen und Ekel zu erregen. Auch sah ich dazumal schon mit dem unbestimmten doch sichern Blicke das neue Heranwogen der alten Aristokratie, schrieb eines Tages an unser Arbeitszimmer:

Als ich die Titus [10] sah sich in Perüken verwandeln.
Schwante mir gleich, es würden die Köpfe sich drehen, –
und nahm am folgenden Tag meinen Abschied.

Ich reisete nach Hause und überraschte die Meinigen mit meiner Ankunft und Erklärung, dass ich Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin zu studieren eine teutsche Universität besuchen wolle. Mein guter Genius und Freundschaft mit einem etwas sonderbaren, aber anlagvollen und liebenswürdigen Mitschüler führte mich nach Jena. Ich erkenne darin wahre Führung der speziellsten Vorsehung für mich, denn heute wäre ich noch nicht im Stande, mir ganz bestimmte Rechenschaft über die Begründung dieses Entschlusses zu geben. Ich war nun beinahe 20 Jahre alt und hatte schon so viel erlebt. Mit meinem Freunde reisend sah ich zuerst Strasburg und Frankfurt, für mich Weltstädte, und kam im Herbst 1799 in Jena an im Hause des alten Hrn. Hofrath Nicolai. Es war dies und die nächste Zeit, wie man weiss, der wahre Blüthestand des geistigen Lebens jener Gegend. In Weimar lebte Göthe, Schiller, auch noch Wieland und Herder, später Jean Paul, der einmal in scherzhaftem Ernst selbst sagte, hier ist jeder Stein klassisch; in Jena die beiden Schlegel, Tieck, oft Novalis und Humboldt, Schelling, Steffens, Ritter, Paulus, Feuerbach usw. [11]Dabei eine ganz herrliche Jugend als Saat, die seither in reiche Männererndte aufgegangen. So schön hab ich das Universitätsleben nie wieder gesehn, das Studium war wahrhaft akademisch und bei jedem der Bessern allumfassend, im Grund nur eine Facultät, deren gemeinsame Basis Philosophie. Mit heiliger Ehrfurcht nahte ich mich dieser Geisterwelt und halte es für mein höchstes Lebensglück die meisten ihrer Götter und Helden gesehen und gehört zu haben. Mich zog aber meiner Neigung und Bestimmung gemäss vorzüglich Schelling an. Ich ward einer seiner eifrigsten und ich glaube, auch sagen zu dürfen, seiner geliebtesten Schüler. Bald spielte ich in dem unendlich lehr- und übungsreichen Conversatorium unter seiner und Hegels Leitung eine Hauptrolle. Inzwischen studirte ich vorzüglich Naturgeschichte unter Batsch, Physik unter Voigt, Chemie bei Göttling, Anatomie bei Loder, und Physiologie für mich selbst. So legte ich den Grund zu meiner Berufswissenschaft. Ich hatte früh erkannt, dass die Empirie der Boden sei, auf dem man stehen und von dem man ausgehen müsse. Das Philosophieren galt mir aber für das zweite Element, ohne welches dieser Boden weder wahrhaft angebaut noch bepflanzt werden, höchstens zum Weidgang des Brotstudiengeistes dienen könnte. Mir ward das Glück, sogar einen kenntnisreichen Lehrer zum Freunde zu gewinnen. dem ich dagegen in seiner Neuheit in der philosophischen Welt gegen eifersüchtige Anfälle beistund: Himly.» [12]

[1] vgl. «Erster datierter Schweizer Druck». Gedenkschrift zur 500-Jahr-Feier in Beromünster 1470–1970, Beromünster 1970, bes. S. 71ff. «Beromünster, berühmte Mutter bedeutender Männer, brachte mich hervor». Troxler spielt wohl mit diesem Lob des Herkommens im klassisch-humanistischen Stil mit stolzer Bescheidenheit auch auf sich selber an, weist aber zugleich seine Sippe ein paar Zeilen weiter unten demokratisch-selbstbewusst dem ländlichen Plebejertum zu, im Gegensatz zu den über Reislauf, Pächterdienste usf. ins Patriziat aufgestiegenen städtischen Familien.

[2] Der Vater Josef Leopold Troxler hatte die Tuchmesse in Zürich besucht und erkrankte auf der Heimreise in Basel. Er starb, erst 38 Jahre alt, am 8. November 1786.

[3] Die Mutter Katharina, geb. Brandtstetter, 1750–1834.

[4] Von diesem ersten Ansatz der Auflehnung gegen den Zwang der Stiftsschule und der Ablehnung beengender «Mönchsmaximen» verläuft in Troxlers Leben eine durchaus folgerichtige Entwicklung zu freiem, selbständigem Denken, aber auch bis zu schroffer Eigenwilligkeit hin.

[5] Abt Glutz, St. Urban, Urs Karl Heinrich (1748-1825), P. Ambrosius, O. Cist., Prof. und Bibliothekar, 1792 Abt, resignierte 1813 wegen Differenzen mit der Regierung des Kantons Luzern.

[6] Im deutschen Koblenz sammelte sich seit dem Bastillesturm die Prominenz der französischen Emigration.

[7] Thaddäus Müller (1763–1828), Priester 1786, Lehrer am Gymnasium in Luzern, Stadtpfarrer 1796, Erziehungsrat, bischöflicher Kommissar 1798-1815. Chorherr 1806. Freund Wessenbergs. Schöpfer des Wessenbergschen Konkordats 1806. Gründer eines Priesterseminars in Luzern 1808. Mitgl. der Helvet. Gesellschaft. Regis Krauer (1739-1806), Franz Regis, S.J., Schulreformer. Professor in Solothurn 1768, in Luzern 1769. Verfasser vaterländischer Schuldramen. Chorherr im Hof. Er empfahl 1798 den 18-jährigen Troxler an Vinzenz Rüttimann für eine Anstellung im helvetischen Staatsdienst.

[8] Meier, Rüttimann, Keller, tonangebende Politiker des Standes Luzern. Franz Bernhard Meyer von Schauensee (1763–1848), Leutnant der Schweizergarde 1780, im Geheimen Rat 1791. Anhänger der Helvetik, Minister der Justiz und Polizei 1798. 1803 Rückkehr ins Privatleben. Später wieder in Staatsämtern tätig, besonders im Erziehungswesen. Vinzenz Rüttimann (1769–1844), Führender luzernischer Staatsmann von der Helvetik bis zur Restaurationszeit, ursprünglich liberal und republikanisch gesinnt, später gemäßigt aristokratisch. Mitglied der Helvetischen Gesellschaft. Helvetischer Regierungsstatthalter in Luzern, Mitglied des helvetischen Vollziehungsrates in Bern, Teilnahme an der Consulta in Paris, 1803-1814 Schultheiss des Kts Luzern, 1808 Landammann der Schweiz, am 16. Feb. 1814 Führer des patrizischen Staatsstreiches zum Sturz der Mediationsordnung, 1814–1831 luzernischer Schultheiss, 1826 Tagsatzungspräsident, von 1831 an Mitglied des Grossen Rates von Luzern. Franz Xaver Keller (1772–1816), von 1793 an politisch tätig, 1801 helvetischer Regierungsstatthalter, 1814 Schultheiss, ertrank 1816 unter ungeklärten Umständen in der Reuss. Von dem erwähnten ersten publizistischen Versuch Troxlers fehlt bis jetzt jede Spur.

[9] Troxlers jüngerer Bruder Paul lldephons (1781–1860).

[10] Titus = Lockenfrisur im Gegensatz zur aristokratischen Perücke.

[11] Aus dem Umkreis der bekanntesten Großen auf der Kulturszene von Jena und Weimar zählt hier Troxler noch auf: Henrich Steffens (1773–1845), gebürtiger Norweger, Naturforscher, Philosoph, Dichter, ebenfalls Schüler und Freund Schellings; Joh. Wilh. Ritter (1776–1818), insbes. Forschungen über Galvanismus; Hch. Eberh. G. Paulus (1761–1851), Theologe u. Orientalist; Paul Joh. Anselm v. Feuerbach (1775–1851), Begr. d. dt. Strafrechtswiss. – Außer dem oben erwähnten Hofrat Ernst A. Nicolai (1722–1802), Prof. d. Med., nennt er noch jüngere hervorragende Dozenten der Medizin u. Naturwiss., wie Aug. J. K. Batsch (1761-1802), Fr. S. Voigt (1781–1850), Joh. Fr. A. Göttling, Justus Chr. Loder (1753–1832). – Über den jenensisch-weimarischen Kreis neuestens noch: Peter Heusser, der Schweizer Arzt u. Philosoph I. P. V. Troxler … Basel 1984 und Klaus Düsing (Hg.), Schellings u. HegeIs erste absolute Metaphysik (1801–1802). Zusammenfassende Vorlesungsnachschrift v. I. P. V. Troxler. Köln 1988.

[12] Karl Himly (1772–1837), berühmter Ophthalmologe in Jena, später in Göttingen, wohin ihm Troxler folgte. Ihm sowie Vinzenz Rüttimann widmete Troxler seine Dissertation, nachdem er im April 1803 in Jena zum Doktor der Medizin promoviert worden war.