Medizin 2016-10-24T16:59:22+00:00

Medizin

«Die Philosophie wird die Wissenschaft, und die Wissenschaft wird das Leben heilen.»

«Ich hatte früh erkannt, dass die Empirie der Boden sei, auf dem man stehen und von dem aus man ausgehen müsse. Das Philosophieren galt mir aber für das zweite Element, ohne welches dieser Boden weder wahrhaft angebaut noch bepflanzt werden, höchstens zum Weidgang des Brotstudiengeistes dienen könnte.»

Troxler, Vorlesungen über Philosophie, 9. Vortrag 

Troxlers Berufstätigkeit als Arzt

Der Entschluss zum Medizinstudium in Jena reifte offenbar während der frühen politisch-diplomatischen Tätigkeit des erst 19-jährigen Troxler. In seinem autobiografischen Fragment schreibt er rückblickend: «Allein bei aller Wirksamkeit nach aussen fühlte ich eine innere Leere und Scham, dass ich noch so jung und unreif mitregieren und das Schicksal eines Volkes mitbestimmen helfen sollte. Heiss erwachte in mir wieder die Sehnsucht nach Studium und Ausbildung, und das Willkürliche und Heuchlerische, sowie das Schwankende in Diplomatik und Politik fing an, mir Grausen und Ekel zu erregen. Auch sah ich dazumal schon mit dem unbestimmten doch sichern Blicke das neue Heranwogen der alten Aristokratie (…). Ich reiste nach Hause und überraschte die Meinigen mit meiner Ankunft und Erklärung, dass ich Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin zu studieren eine deutsche Universität besuchen wolle. Mein guter Genius (…) führte mich nach Jena. Ich erkenne darin wahre Führung der speziellsten Vorsehung für mich, denn heute wäre ich noch nicht im Stande, mir ganz bestimmte Rechenschaft über die Begründung dieses Entschlusses zu geben. Ich war nun beinahe 20 Jahre alt und hatte schon so viel erlebt. Mit meinem Freunde reisend sah ich zuerst Strassburg und Frankfurt, für mich Weltstädte, und kam im Herbst 1799 in Jena an im Hause des alten Herrn Hofrat Nicolai. Es war dies und die nächste Zeit, wie man weiss, der wahre Blütestand des geistigen Lebens jener Gegend (…)».

Troxlers Weg und Ausbildung zum Arztberuf erfolgte dann in zwei Etappen:
1) Studium der Medizin, gleichzeitig mit breitem naturwissenschaftlichem und philosophischem Studium an der Universität Jena, abgeschlossen 1803 mit einer lateinisch verfassten augenheilkundlichen Dissertation bei seinem Lehrer Karl Himly (1772 – 1837), dem er anschließend noch ein Jahr nach Göttingen folgte.
2) Von 1804 bis 1809 Weiterbildung zum praktischen Arzt bei Johann Malfatti (1775 – 1854) in Wien, einem damals berühmten, ebenfalls der Naturphilosophie Schellings zugeneigten Mediziner, der Troxler in die Wiener Gesellschaft einführte und ihm unter anderem die Bekanntschaft mit Beethoven vermittelte.

Troxlers Berufsweg als Arzt begann verheißungsvoll. Seine ersten praktischen Tätigkeiten in Beromünster 1805–1806 und in Wien 1806–1809, seine frühen wissenschaftlichen Publikationen, aber auch seine scharfe, gnadenlose Kritik an Luzerns Sanitätswesen machten ihn als Arzt schon früh berühmt und hatten Auszeichnungen, Ehrungen und gar Berufungen an deutsche Universitäten zur Folge. Verfolgt man hingegen Troxlers Lebensgang weiter, wird deutlich, dass ihm die Ausübung des praktischen Arztberufes zunehmend zur Last wurde. Er beklagte in Briefen an seine Freunde mehrmals mit deutlichen Worten das Mühevolle dieses Berufes, das Gehetztsein, den mangelnden Freiraum für wissenschaftliche Arbeit. Mit dem Tod seiner beiden ältesten, ihm liebsten Kinder, den er mit der Ausübung seiner Arzttätigkeit in Zusammenhang brachte, reifte sein Entschluss, sich einer neuen beruflichen Herausforderung und Bestimmung, derjenigen des Pädagogen und Lehrers, zu stellen.

Doch trotz des Berufswechsels blieb Troxler über all die Jahre seiner dann vorwiegend pädagogisch-philosophischen Tätigkeit, bis weit über seine Emeritierung an der Berner Universität hinaus, ein begehrter und oft von weit her gerufener Arzt; so wurde er 1827 ans Sterbelager Pestalozzis gerufen, ein Jahr später stand er am Krankenbett seiner Mutter in Beromünster, und seinen Freund und Gesinnungsgenossen, den Bundesrat Henry Druey, betreute er als über 70-Jähriger von seiner Aarauer Residenz aus bis zu dessen Tod. Auch seine Publikationstätigkeit auf medizinischem, medizingeschichtlichem und sanitätspolitischem Gebiete und sein diesbezügliches Engagement liessen im späteren Lebensabschnitt als Philosophiedozent keineswegs nach. Waren es während seines Studiums und der sich unmittelbar daran anschliessenden Zeit spezielle augenheilkundliche Themen und allgemein menschenkindliche Fragen die er im medizinischen Zusammenhang bearbeitete, so sind es in seiner Lebensmitte – in dem von ihm mitherausgegebenen «Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie» – Aufsätze zu medizinischen und sanitätspolitischen Themen und während der zweiten Lebenshälfte schliesslich vorwiegend sozialmedizinische, medizinhistorische und sanitätspolitische Fragen, die ihn beschäftigten und zu denen er sich vernehmen liess.

In der Zeit seiner hauptamtlichen Arzttätigkeit war Troxler zwar Arzt mit Leib und Seele, gleichwohl war er kaum einmal ausschließlich als Arzt tätig. Es gehört zur deutlichen Signatur seines Lebensganges – nicht ungewöhnlich für Männer seines Formats in der damaligen Zeit [1] – , sich nicht auf ein Gebiet zu beschränken und nur in diesem tätig zu sein. Während der zwei Jahrzehnte währende Ausbildung und hauptamtlichen Tätigkeit als Arzt vertiefte sich Troxler in philosophische Studien, zunächst als Student bei Schelling und Hegel in Jena. Seine philosophischen Frühwerke schrieb er Mitte, Ende 20, seine erste umfassende Menschenkunde «Blicke in das Wesen des Menschen» veröffentlichte er mit 32 Jahren. Zusätzlich wurde seine ärztliche Tätigkeit begleitet und zeitweilig auch unterbrochen durch sich selbst auferlegte, ihn und seine Familie gefährdende politische Initiativen und durch äussere politische Ereignisse, aufgrund derer er sich zur Aktion gedrängt fühlte (politische Intervention 1814 in Luzern, Reise an den Wiener Kongress 1815). Auch eine rege publizistische Tätigkeit auf politisch-kulturellem Gebiete im Zusammenhang mit seiner Herausgabe des «Schweizerischen Museums» (1816), entfaltete sich in den zwei Arzt-Jahrzehnten.

Im biografischen Zusammenhang lässt sich sagen: Das Studium und die Ausübung des Arztberufes vermittelten Troxler eine fundierte Kenntnis der menschlichen Wesensglieder: des Körpers, des «Leibes», der Seele und des Geistes. Die Lebensprozesse, das Wesen von Gesundheit und Krankheit, Grundsätzliches zu Heilverfahren und zum Heilungsprozess wurden ihm zu einer immer drängenderen Frage. Er erlebte sich – nebst manch glücklichen Heilerfolgen – auch in tiefer Ohnmacht als Arzt und Heiler, wenn er dem unerbittlichen Schicksal begegnete, so beim Tod eigener Kinder.

Als Brotberuf sicherte die Landpraxis Troxler und seiner großen Familie das notwendige Einkommen. Mit dem Wechsel des 39-Jährigen in den Lehrberuf waren ökonomische Einbußen verbunden und im späteren Leben, zumindest bis zu Troxlers Wahl an die Berner Hochschule, hat seine Arzttätigkeit mitgeholfen, das Einkommen aus der nicht eben lukrativen und aus politischen Gründen unsicheren  Lehrtätigkeit aufzubessern.

Troxlers System der Vierheit (Tetraktys) der menschlichen Wesenheit

Aphorismen Troxlers zu Gesundheit und Krankheit

Stichworte zu Troxlers medizinischem Wirken

Ausführliches zu Troxlers medizinischem Wirken findet sich in der Monographie von Peter Heusser, Der Schweizer Arzt und Philosoph I. P. V. Troxler (1780 – 1866). Seine philosophische Anthropologie und Medizintheorie, Diss. med. Basel 1983. Die hier angegebenen Stichworte sind zum Teil den Kapitelüberschriften dieser grundlegenden Studie entnommen. 

Troxlers Welt- und Menschenbild / Gliederung des Menschen als Tetraktys / Begriff des Organismus / Mensch und Natur / Krankheitsbegriff / Krankheitseinteilungen / Ophthalmologie / Kretinismus / Sozial- und Präventivmedizinisches / Medizinalpolititsches / Entwurf eines Systems der Medizin / Medizin als Kunst / Erkenntnisproblem / Verhältnis von sinnlicher zu übersinnlicher Erkenntnis / Anthroposophie und Medizin / Medizinhistorische Bedeutung Troxlers.

Troxlers medizinische, sozialmedizinische und medizinalpolitische Schriften in chronologischer Folge

Dissertatio Inauguralis Medica Sistens Primas Lineas Theoriae Inflammationis Suppurationis et Gangraenescentiae, Jena 1803 (26 Seiten).

Sollemnia Inauguralia Insunt Variae Lectiones in Q. Serenum Samonicum ex Nicolai Marscali enchiridio excerptae, Jena 1803 (8 Seiten).

Prüfung der bisherigen Lehre über die Bewegung der Iris, mit einer neuen Ansicht ihrer Bewegung, in: Ophthalmologische Bibliothek, hg. von K. Himly und J.A. Schmidt, Band 1, 2. Stück, Jena 1803.

Ideen zur Grundlage der Nosologie und Therapie, Jena 1803 (172 Seiten).

Über das Verschwinden gegebener Gegenstände innerhalb unseres Gesichtskreises, in: Ophthalmologische Bibliothek, hg. von K. Himly und A. Schmidt, Band 2, 2. Stück, Jena 1804.

Präliminarien zur physiologischen Optik, in: Ophthalmologische Bibliothek, hg. von K. Himly und A. Schmidt, Band 2, 2. und 3. Stück, Jena 1804.

Effloreszenz des Auges, in: Ophthalmologische Bibliothek, hg. von K. Himly und A. Schmidt, Band 2, 2. Stück, Jena 1804.

Versuche in der organischen Physik, Jena 1804 (525 Seiten).

Grundriss der Theorie der Medizin, Wien 1805 (395 Seiten).

Einige Worte über die grassirende Krankheit und Arzneikunde im Kanton Luzern, Zug 1806 (36 Seiten).

Noch etwas als Folge einiger Worte über die grassirende Krankheit und Heilkunst im Kanton Luzern, o.O. (62 Seiten).

Über das Leben und sein Problem, Göttingen 1807 (40 Seiten).

Über die Frage: warum sehen wir mit zwei Augen die Gegenstände nicht doppelt?, in: Ophthalmologische Bibliothek, hg. von K. Himly und A. Schmidt, Band 3, 3. Stück, Jena 1807.

Über das Schielen und Doppeltsehen, oder die Polarität des Gesichts, in: Ophthalmologische Bibliothek, hg. von K. Himly und A. Schmidt, Band 3, 3. Stück, Jena 1807.

Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie, 1. Heft, Aarau 1816. Darin u.a.: Geschichte einer im Entstehen geheilten Vesanie, S. 10–32; Erfahrungen und Bemerkungen über das Blei als Arzneimittel innerlich angewendet, S. 33–55; Rabdomantische Sensibilität, S. 56–66; Etwas über Hydrophobie und das dagegen empfohlene Aderlassen, S. 153–163; Surrogate, S. 164–173; Aftermedizin, S. 303–318; Das Mennesiren oder die geistliche Quacksalberei unserer Zeit, S. 319–327.

Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie, 2. Heft, Aarau 1816. Darin u.a.: Erinnerungen und Bemerkungen über Behandlung und Unterricht von Taubstummen, S. 3–38; Ein Beitrag zur Geschichte und Wissenschaft der Naturentwickelung im menschlichen Geschlecht, S. 39–52; Eine Erfahrung über Einwirkung des im Milzbrande sich entwickelnden Giftes auf die menschliche Natur, S. 85–96; Über den Nutzen des Schwefels in chronischen Brustübeln, S. 97–112; Zerreissung des Krummdarms durch den Hufschlag eines Pferdes ohne irgend eine Spur von äusserer Verletzung, S. 113–126.

Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie, 3. Heft, Aarau 1817. Darin: Über Kretinismus, S. –-61.

Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie, 4. Heft, Aarau 1817. Darin: Über Kretinismus (Fortsetzung), S. 3–167.

Der Kretinismus und seine Formen als endemische Menschenentartung, in unserm Vaterlande. Ein Vortrag gehalten in der Versammlung schweizerischer Naturforscher zu St. Gallen am 27. Juli 1830, in: Denkschriften der allgemeinen Schweizerischen Gesellschaft für die gesamten Naturwissenschaften, Band 1, 2. Abteilung, Zürich 1833, S. 175–199.

Vorwort zu: J. J. Guggenbühl, der Alpenstich endemisch im Hochgebirge der Schweiz und seine Verbreitungen, Zürich 1838.

Umrisse zur Entwicklungsgeschichte der vaterländischen Natur- und Lebenskunde, der besten Quelle für das Studium und die Praxis der Medizin, St. Gallen 1839 (63 Seiten).

Die Kretinenanstalt von Dr. Guggenbühl auf dem Abendberg. Lithografischer Druck, 1841 (8 Seiten).

Die Armé de Diu in Greierz. Eine Abart von Crétins, in: Schweizerische Zeitschrift für Medicin, Chirurgie und Geburtshülfe, Nr. 2, 1842.

Einführung zu: J. J. Guggenbühl, L’Abendberg, établissement pour la guérison et l’éducation des enfants crétins à Interlachen, Canton de Berne, Fribourg 1844.

Der Kretinismus in der Wissenschaft. Ein Sendschreiben an Herrn Dr. Maffei, Verfasser der Untersuchungen über den Kretinismus in den norischen Alpen, Zürich 1844 (32 Seiten).

Die Ärzte und die Kantonspatente im schweizerischen Bundesstaat. Skizzen zur Reform des Sanitäts- und Medizinalwesens, Bern 1850.

Letter from Professor Troxler of Berne to Dr. Guggenbühl, August 1845, in: Samuel Robert Louis Gaussen, The Wonders of the Abendberg, Bern 1857.

Zu Troxlers Medizintheorie und Tätigkeit als Arzt

Heusser Peter, Der Schweizer Arzt und Philosoph I. P. V. Troxler (1780 – 1866). Seine philosophische Anthropologie und Medizintheorie, Diss. med. Basel 1983.

Heusser Peter, Anthroposophie und die Universität Bern. Zur Aktualität des Hygiogenesebegriffs bei I. P. V. Troxler und R. Steiner, in: Peter Heusser (Hg.), Akademische Forschung in der Anthroposophischen Medizin. Beispiel Hygiogenese: Natur- und geisteswissenschaftliche Zugänge zur Selbstheilungskraft des Menschen, Bern 1999.

Jenzer Hans, Der Arzt Ignaz Paul Vital Troxler. Referat an der Troxlertagung in Bern vom 16.12.1967,  Akten der Troxlertagungen in Bern, in: Emil Spiess, Bibliografie Troxler, Band 37, Glarus 1967.

Kuhn Roland, Diskussionsbeitrag an der Tagung des Kuratorium Troxler vom 14.10.1967, in: Akten der Troxlertagungen in Bern, in: Emil Spiess, Bibliografie Troxler, Band 37, Glarus 1967.

Meeks-Lang Monika, Ignaz Paul Vital Troxlers Vorlesung über Magnetismus und Somnambulismus, Bern 1844. Diss. Medizinische Fakultät der Universität Bern, 2012.

[1] Schiller z.B. war Mediziner, Dichter und lehrte in Jena als Historiker; Goethe war Jurist und hoher Verwaltungsbeamter bzw. Minister, Theaterintendant und Naturforscher; Troxlers Freund Varnhagen studierte Medizin und dichtete, bevor er in den Freiheitskriegen als Militär und Berichterstatter teilnahm und dann Diplomat wurde; Schleiermacher, bei dem Varnhagen in Halle studierte, begann als Chemiker und Apotheker, bevor er seine epochale Platonübersetzung verfasste und dann Theologieprofessor wurde; Achim von Arnim, der Dichter und Mitherausgeber von «Des Knaben Wunderhorn», war ausserdem Gutsherr und Experte für Fachberichte über neue naturwissenschaftliche Messinstrumente und entwickelte eine meteorologische Konzeption von wissenschaftlicher Beobachtung. Persönliche Mitteilung von Brigitte Hilmer