Medien 2017-12-21T18:07:38+00:00

Medientexte zu Leben und Werk von Ignaz P.V. Troxler

Wer war I. P. V. Troxler?

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Seine Jugend fiel in die Zeit der Französischen Revolution, sein Studium der Medizin und Philosophie führte ihn nach Jena, unter anderen zu Schelling und Hegel, und seine praktische Ausbildung zum Arzt erlangte er in Wien. Zurück in der Schweiz empfand er es als wichtiges Lebensziel, der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung seines Vaterlandes zu dienen, und tat dies in ganz verschiedenen Bereichen. Als Arzt wirkte er erfolgreich auf der Grundlage des von ihm ganzheitlich erfassten Menschen, prangerte die rückständigen Verhältnisse im Sanitätswesen an und setzte sich für eine landesweit einheitliche Ausbildung und Zulassung der Ärzte ein. Als wohl bedeutendster Schweizer Philosoph seiner Zeit entwickelte er schon früh eine die damaligen Systeme übergreifende anthropologisch begründete Transzendentalphilosophie. Als Pädagoge – zunächst am Lyzeum in Luzern und am Lehrverein Aarau, später als Professor für Philosophie an den Universitäten von Basel und Bern – war Troxler eine wesensgemäße und umfassende Menschenbildung höchstes Ziel. Auf dem Gebiet der Rechtslehre erweist er sich mit seinen radikal-demokratischen Idealen als politischer Vordenker der Nation und als Promotor der der Bundesverfassung von 1848 zugrunde liegenden demokratischen Staatsform. Troxlers Lebensgang spiegelt auf exemplarische Weise die Entstehungsgeschichte der heutigen Eidgenossenschaft vom Ancien Régime über Helvetik, Mediation, Restauration und Regeneration bis hin zur Gründung des Bundesstaates mit seinen noch heute gültigen politischen Einrichtungen. (aus der neu aufgelegten Troxler-Biografie von Max Widmer/Franz Lohri, Futurum-Verlag 2016)

Troxler – politischer Visionär der Schweiz

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Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) gehört zu den herausragenden Gestalten des kulturellen und politischen Lebens der Schweiz im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Sein Weg führte über Jena und Wien. Er übte vielfältige Tätigkeiten aus und brachte durch seine Erfahrungen im Ausland Weltmännisches in die Schweiz. Troxler war praktizierenden Arzt, aber auch viele Jahre als Professor der Philosophie tätig, ein Freund Beethovens und Schüler Schellings, er war Mitglied im Grossen Rat des Kantons Aargau und gehörte zu den führenden Köpfen der radikalliberalen Bewegung, der Begriff „radikal“ als politische Haltung stammt von ihm. Troxler entwickelte neue Ansätze für ein erweitertes Menschenbild im Geiste des deutschen Idealismus, er kämpfte für ein verbessertes Bildungs- und Gesundheitswesen und entwickelte aus der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika seine Vision für einen Schweizer Bundesstaat, die grossen Einfluss auf die Entstehung der modernen, demokratischen Schweiz hatte. (Troxler-Biografie, Futurum-Verlag 2016)

Troxler und die Schweiz

«Freiheit des Vaterlandes war meine erste Liebe»

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Am 6. März 2016 jährte sich zum 150. Mal der Todestag des Schweizer Arztes, Philosophen, Pädagogen und Politikers Ignaz Paul Vital Troxler, jener bedeutenden Persönlichkeit im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, auf deren voraussehendem Denken und mutig-konsequentem Wirken die «politische Architektur» der modernen Schweiz mit ihrer Konstitution als Bundesstaat im Jahre 1848 massgeblich gründet. Nur wenigen Schweizerinnen und Schweizern ist Troxler ein Begriff. Dass die uns als selbstverständlich scheinende schweizerische Staatsform der direkten Demokratie und des Föderalismus auf dem Fundament des gleichermassen philosophischen wie politischen Denkens und Handelns Troxlers gründen, ist heute weitgehend vergessen.

Was rechtfertigt die geistige Renaissance dieses Vergessenen, abgesehen von der Besinnung auf historische Tatsachen bezüglich Entstehung und Entwicklung der modernen Schweiz? Es ist die Erkenntnis, dass uns Troxler gerade heute wiederum viel zu sagen hat. Seine philosophischen, pädagogischen und politischen Botschaften sind unvermindert aktuell angesichts der innen- und aussenpolitischen Herausforderungen, unter denen die politische Schweiz heute polarisiert und in Konkordanz und Kohärenz gefährdet dasteht. «Politik ist die auf die Gesellschaft übertragene Wissenschaft und Kunst der Ethik» ist eine von Troxlers Kernbotschaften.

Den tiefgründigen, dem geistigen Wesen der Schweiz verpflichteten Botschaften des weitsichtigen Politphilosophen Troxler kommt in einer Zeit geistigen Orientierungsnotstands und durch individuellen und kollektiven Egoismus hervorgerufener ethischer Defizite aktuelle Bedeutung zu. So erweist sich das Troxler-Gedenkjahr als die sich bietende und zu ergrei-fende Chance einer grundsätzlichen Besinnung auf die gesellschaftlichen und politischen Werte der Schweiz.

«Viele haben mitgearbeitet an der Realisierung des demokratischen Freiheits-staates 1830 und 1848. Aber nicht leicht ist ein Zweiter zu finden, der mit eben-solcher Geistesklarheit die hier waltenden Ideen erfassen und aussprechen konnte und der bereit war, Gefängnis, Verachtung, Verfolgung, Verleumdung, Todes-drohung und Verlust der Existenz auf sich zu nehmen wie Troxler. Er war wie ein Leuchtturm, der in dem unruhigen Wellengang der Zeit die zum Ziel führende Route angeben konnte»

Max Widmer in seiner Troxler-Biografie, 1980

Troxler, bedeutender Schweizer Philosoph

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Ignaz Paul Vital Troxler zählt zu den wichtigsten philosophischen Denkern der Schweiz. Er hinterliess ein umfangreiches und heute noch anregendes Oeuvre. 1800–1803 studierte er bei Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Jena. Früh profilierte er sich in der medizinischen Forschung und entwickelte vor dem Hintergrund der idealistischen Philosophie des Absoluten und der transzendentalen Subjektphilosophie eine eigenständige Anthropologie.

Phänomene wie Gesundheit und Krankheit, Wachen und Schlafen, mystische Theologie und geistige Behinderung bilden das Spektrum, in dem Troxler das Bild der Menschen über das blosse «Animal rationale» hinaus zu erweitern suchte. Auf dieser Basis engagierte er sich für die Demokratie und einen schweizerischen Bundesstaat.

Eine Tagung an der Universität Basel vom 3.–5. März 2016 thematisiert das naturphilosophische und medizintheoretische Frühwerk, das philosophische Hauptwerk sowie Troxlers Naturphilosophie und politische Philosophie. Sie möchte sein Werk den Diskussionen zur Geschichte des Wissens, zur Philosophie der Schelling-Schule und romantischen Anthropologie sowie zu den geistigen Wurzeln der Schweizer Demokratie aussetzen.

Zur Tagung in Basel >

Zu Troxlers Philosophie

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«Troxlers philosophische Schriften faszinieren durch die ungemein differenzierten und lebendig gefassten Begriffe. Bei allen feinen Unterscheidungen und Abgrenzungen begnügt sich Troxler aber niemals mit bloss distanzierter, zergliedernder Analyse, immer sind ihm die Teile Glieder einer Ganzheit. So sind Troxlers Ausführungen äusserst lebendige Gemälde ineinander verwobener Gegensätze und deren Wechselbeziehungen, geprägt und gesteigert durch eine Schreibweise fern aller abstrakt gedrechselten Architektonik, vielmehr geschöpft aus der Fülle eines überquellenden Geistes, getragen von einem Strom elementarer Kraft.» (Gerhard Heid)

Troxlers Art und Weise zu philosophieren

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Im Jahre 1853 verabschiedet sich Troxler, der bisherige Lehrer der Philosophie an der Berner Hochschule, von seinen Zuhörern mit den folgenden Worten: «Und so, verehrteste Zuhörer, nehme ich von Ihnen, – dem letzten Kurse meiner neunzehnjährigen akademischen Laufbahn an der Universität Bern, – Abschied und möchte Ihnen besonders die treue Bewahrung des, von philosophischen Systemen und Schulen unbefangenen und unabhängigen, philosophischen Sinnes empfehlen, mit welchem ich jederzeit gelehrt habe. Wenn ich meiner Philosophie, oder vielmehr meiner Art und Weise zu philosophieren, einen Wert zuschreiben darf, so besteht er in dieser Unbefangenheit, in dieser Freiheit und Selbständigkeit des Geistes, so wie in den dadurch gewonnenen Forschungsergebnissen.»
Diese wenigen Worte des damals 73-jährigen Hochschullehrers geben uns Aufschluss über den Charakter und über die Bedeutung seiner «Philosophie». Letzteres Wort ist absichtlich und mit Recht hier in Anführungszeichen gesetzt worden; Troxler selbst berichtigt und ersetzt es, kaum ausgesprochen, durch den Ausdruck «meine Art und Weise zu philosophieren». Die scheinbare Kleinigkeit hat ihre Bedeutung; sie weist auf die Tatsache hin, dass es Troxler niemals darum zu tun war, den schon bestehenden zahlreichen philosophischen Systemen noch eines hinzuzufügen. Er richtet sein Augenmerk vielmehr auf die Tätigkeit des Erkennens selbst.

Troxler als philosophischer Rechtslehrer

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Die in der Philosophischen Rechtslehre (1820) des Luzerner Universalgelehrten Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) entwickelten Vorstellungen über das Recht und den Staat inspirierten sich am Denkstoff des nachkantischen Idealismus, wobei namentlich die Polaritätslehre Schellings und dessen organisches Einheitsdenken einen prägenden Einfluss ausübten. In dieser Tradition stehend ignorierte Troxler den vom kantischen Rationalismus und Liberalismus geforderten Ausbau des Rechtsstaats über weite Strecken und argumentierte stattdessen mit mystischen Faktoren der Gemeinschaftsbildung. Die Rechtslehre kennzeichnet dennoch eine starke liberale Dimension, die zwar nicht als Weltanschauung im Sinne der rationalen Naturrechtslehre, jedoch als Leitbild, wie die Staatsmacht ausgeübt werden soll, fundamentale Bedeutung erlangt. Mit seinem unermüdlichen Einsatz für Demokratie, Toleranz, Gewaltenteilung, Transparenz, Glaubens-, Meinungs- und Pressefreiheit sowie für das Zweikammersystem avancierte Troxler zu einem bedeutenden Vordenker des liberalen schweizerischen Bundesstaates von 1848.

(Marc Winiger, Dissertation über Troxlers Rechtslehre, 2011)

Troxler über Erziehung und Bildung

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Als Arzt und Pädagoge, aber auch als Vater hatte Troxler viele Möglichkeiten, die Entwicklung des jungen Menschen zu verfolgen und, mithilfe seiner überragenden Geisteskraft, bedeutende, zeitlose Erkenntnisse über dieses so wichtige Gebiet zu gewinnen. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Jünglingsalter, also auf dem dritten Jahrsiebt, entsprechend seiner beruflichen Tätigkeit. … Das Kind zunächst sieht er noch als eine ursprüngliche Vollkommenheit. Es ist innig verbunden mit Gott und der Welt; eine Trennung in ein Ich und ein Nichtich kennt es nicht. Seine seelischen Kräfte wie Vernunft und Wille bilden noch eine Einheit. „So wie die Aussenwelt noch ganz mit ihm zusammenhängt, so ist ihm in ihr auch alles ungeschieden und unverglichen. Gesicht, Gehör und Getast sind ihm eins, auch Seel- und Leibesoperationen“. In einem Fragment schreibt Troxler: „Willst du Kinder kennen lernen, so beobachte sie, ohne dass sie merken, in Gesellschaft mit anderen …“ oder in einem anderen: „Das Spiel ist eine Tat, die nur sich selbst will, Arbeit hat besonderen Zweck, Übung versöhnt beide.“

Allgemein gilt für Troxler: „Die grosse Kunst des Unterrichtes ist, dass der Zögling das, was er lernt, aus sich selbst produziere.“ „Der Mensch muss zum Selbstdenken und Selbstwollen gebracht werden, dies ist der lebendige Grund, auf den die Saat göttlicher Lehre abfallen soll“. – In diesem Sinne sieht er das Jünglingsalter, die Adoleszenz, als eine Zeitspanne, in welcher der junge Mensch besonders empfänglich und beweglich ist. „Im Jünglingsalter ist daher … die geistig-sittliche Umwandlung des Menschen, welche den Namen der Wiedergeburt verdient …“ und: „nur der Jüngling vereint in sich die grösste Empfänglichkeit für Bildung mit der höchsten Kraft der Selbstentfaltung …“ So schreibt Troxler in der 7. Anzeige des Lehrvereins Aarau. (nach Andreas Dollfus)

Troxler und der Aargau

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Durch sein Leben und Wirken ist Troxler in besonderer Weise mit dem Aargau und seiner Hauptstadt verbunden. Hier führte er mit seinem Freund, dem Volksaufklärer, Philosophen und Schriftsteller Heinrich Zschokke (1771–1848) eine schweizweit einzigartige Mittelschule. Von hier aus betreute er als Arzt den todkranken Pestalozzi. An seinem Aarauer Wohnort schrieb er seine wichtigsten philosophischen Werke, die ihm Weltruhm verschafften. Von 1832–1834 wirkte er im Aargauer Grossen Rat und skizzierte in dieser Zeit die neue Bundesverfassung, der er 1848, nun als Professor für Philosophie an der Universität Bern, den entscheidenden Impuls zum Zweikammer-system des National- und Ständerats gab. Nach der Emeritierung lebte Troxler bis zu seinem Tod auf der Aarmatt, zwischen Zschokkes Villa Blumenhalde und dem Städtchen Aarau. Darauf verweist heute noch der «Troxlerweg». Im Gedenken an den Universalgelehrten ist 2016 ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm geplant. Aufgrund Troxlers starken Aargau-Bezugs konzentrieren sich die Feierlichkeiten zu seinem 150. Todestag am 6. März vorwiegend auf Aarau. Auftakt war eine vom Forum Schlossplatz in Zusammenarbeit mit dem Verein Troxler-Gedenkjahr 2016 konzipierte Plakat-Aktion.

Freiheit des Vaterlandes war meine erste Liebe

Hintergrundinformationen zu Troxler und dessen Gedenkjahr 2016

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Selten wohl liegen Bedeutung und Bekanntheitsgrad einer historischen Persönlichkeit einander ferner wie beim Schweizer Arzt, Anthropologen, Philosophen, Rechtslehrer, Pädagogen und Politiker Ignaz Paul Vital Troxler, dessen 150. Todestag 2016 gedacht wird. In einschlägigen Büchern ist er zwar verewigt, als grosser Helvetiker, als bedeutender Schweizer Philosoph; mindestens zwölf Dissertationen, drei davon aus den letzten fünf Jahren, beschäftigen sich mit seinen Gedanken und Ideen auf verschiedenen Lebensfeldern; eine elfhundert Seiten starke, bis in Einzelheiten führende Biografie zeichnet die Spuren seines Lebens nach, und auf über zwölfhundert Seiten werden seine politischen Schriften präsentiert, eingeleitet und kommentiert. Aktuell bemüht sich ein Forscherteam an der Universität Basel um eine kritische Neuherausgabe seines philosophischen und medizinischen Werkes.

Trotz der wissenschaftlichen Anerkennung ist I.P.V.Troxler bisher in der schweizerischen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben. Unverständlich und unbegreiflich eigentlich, in Anbetracht der Vielseitigkeit und herausragenden Bedeutung dieses historischen Schweizers, der nachweislich sein ganzes bewusstes Leben in erklärter und gelebter Vaterlandsliebe der Entwicklung eines demokratischen Staatswesens widmete.

Schon als Jüngling Eigenständigkeit und Zusammenhalt unter Förderung wahren Menschentums stets von Augen haltend, wurde er kaum 18-jährig zum Sekretär des Regierungsstatthalters seines Heimatkantons Luzern berufen und begleitete diesen an die Sitzungen des helvetischen Direktoriums.

Nach einem Studium Generale in Philosophie und Naturwissenschaften und gleichzeitigem Medizinstudium in Jena doktorierte er mit 23 Jahren in Medizin, anschliessend veröffentlichte er mehrere wissenschaftliche Arbeiten, welche noch heute in der ophthalmologischen Literatur zitiert werden. Er war wohl der erste zur Augenheilkunde publizierende Schweizer Arzt, er schrieb zwischen 25- und 29-jährig fünf wissenschaftliche Abhandlungen, welche dem Leben, im Besonderen demjenigen des Menschen und der philosophisch und anthropologisch reflektierten Heilkunde galten und antizipierte damit als ‚frühreifer Denker’ seine wichtigen, späteren philosophischen Werke.

Zurückgekehrt in seine Heimat, schlug er als 30jähriger eine Berufung an die medizinische Fakultät der Berliner Universität aus, aus der Überzeugung, auf vielfältige Weise seinem Vaterland dienen zu müssen. Mit 31 Jahren legte er in seiner anthropologischen Schrift «Blicke in das Wesen des Menschen» eine eigenständige, weit über das Sinnliche und Irdische hinausgreifende erweiterte Wesenskunde des Menschen vor, welche auch Goethe zu Kommentaren herausforderte.

35-jährig reiste er als Privatmann mit seiner Familie nach Wien, um am Wiener Kongress mit zwei Denkschriften an die für die Schweiz zuständige Kommission seine Stimme für eine unabhängig-demokratische Schweiz zu erheben, die mit der Botschaft der rückwärtsgewandt restaurativen, offiziellen Schweizer Vertretung in scharfem Kontrast stand.

Nach seiner Berufung als Lehrer an das Lyzeum in Luzern verfasste er als Nichtjurist eine «Philosophische Rechtslehre», die noch heute in Fachkreisen auf Interesse stösst, nachdem er in einer von ihm mitgegründeten Zeitschrift drei bedeutende staatsrechtliche Aufsätze publiziert hatte, über das Wesen der Volksvertretung, die Pressefreiheit und die Grundbegriffe der Repräsentativ-Systems.

Als Bildungspolitiker stand er dem um eine Generation älteren Johann Heinrich Pestalozzi kaum nach; Troxlers Traktate und Fragmente zu Pädagogik und Erziehungskunst sowie seine bildungspolitischen Postulate gelten noch heute als richtungsweisend.

Mit seinem Vorschlag des Zweikammersystems für das eidgenössische Parlament – durch seine in die Kommissionsberatung gelangende Schrift über das nordamerikanische Verfassungsmodell – gab Troxler den entscheidenden Impuls für die Konstitution der Schweiz als Bundesstaat und für deren politische Stabilität und Eigenständigkeit in den turbulenten Zeiten des folgenden Jahrhundertwechsels und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Troxlers Verdienste um die moderne demokratische, föderalistische Schweiz gründen in erster Linie in seinem politischen Kämpfertum, welches, nach Napoleons Sturz und den damit einhergehenden restaurativen Tendenzen Europas, Schweiz bezogen auf die Wiederherstellung der im Bundesvertrag von 1815 verweigerten Volksrechte ausgerichtet war. Dabei kämpfte er ausschließlich in Wort und Schrift, nach eigenen Worten «mit den Waffen des Lichtes», ethischen Motiven also, welche klarem Denken und verantwortungsvollem Handeln entsprangen. Dass Troxler seine Handlungsstrategie den Erfordernissen von Zeit und Situation anzupassen im Stande war, zeigen seine politischen Interventionen zur Zeit des Sonderbundes, wo er sich vom angriffigen, scharfzüngigen Streiter zum eindringlichen Mahner und Befürworter von Konkordanz und Verträglichkeit gewandelt hatte, vermittelnd zwischen den Fronten von Konservativen und Liberalen, Katholiken und Protestanten, Stadt- und Landkantonen. Bitte um Verständigung und Mäßigung, um Zurückstellung einseitig-dogmatischer Standpunkte, spricht fortan aus seinen Verlautbarungen, sodass der einstmals als Inbegriff des Radikalen Geltende von etlichen seiner früheren Schülern und Freunden verlassen und befehdet wurde.

Der als Professor der Philosophie an den Universitäten von Basel und Bern und als politischer Vordenker der Nation zu seinen Lebzeiten gleichermaßen Hochgefeierte, wie auch Umstrittene und Bekämpfte, versank in Vergessenheit, nachdem die Früchte seines Wirkens zum selbstverständlichen Allgemeingut des schweizerischen Staatswesens geworden waren. Das auf seine Anregung hin etablierte Zweikammersystem und der Bundesstaat als damals heiß umstrittener Kompromiss zwischen Staatenbund und Einheitsstaat hatten ihre Verwirklichung gefunden. Vergessen wurde sein staatspolitisch wichtigstes Lebenswerk, das darin bestand, in unbeirrbar zähem und uneigennützigem Ringen auf die für die demokratische und geistige Ausrichtung der modernen Schweiz ausschlaggebenden politischen und sozialen Voraussetzungen hinzuarbeiten.

Das Gedenkjahr zum 150. Todestag Troxlers bietet die Möglichkeit, den bedeutenden Schweizer der Vergessenheit zu entrücken. Seit 2014 bemüht sich ein Initiativkreis Troxlergedenkjahr 2016 durch Bereitstellen von Grundlagen und Informationen für die angestrebte Breitenwirkung dieses Gedenkjahres. (Franz Lohri)

Troxler und das Zweikammersystem der Eidgenössischen Räte

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Auf Neujahr 1848 hatte Troxler nach mehrjährigem Schweigen wiederum eine Schrift veröffentlicht und überallhin versandt: Die Verfassung der Staaten von Nordamerika als Musterbild der schweizerischen Bundesreform. Wie schon vor 27 Jahren mit der Schrift Fürst und Volk will er damit «mitten in die Zeit hineingreifen». Aber diesmal ist es nicht ein Angriff. Es ist ein Friedensruf, der Rat des großen Weisen, dem das Herz blutet über der tödlichen Gefahr, in der sein Land und Volk schwebt. Und sein Wort gilt diesmal nicht einer allgemeinen geistigen Auseinandersetzung über Grundprinzipien des sozialen Lebens, sondern es greift hinunter in eine konkrete Lebens- und Schicksalsfrage seines Volkes. Die Schweizerische Eidgenossenschaft steht an einem Knotenpunkt ihrer Geschichte.

In Bern tagte seit dem 17. Februar 1848 die Kommission, die den Auftrag hatte, der Schweiz eine neue Verfassung zu schaffen, die den seit 50 Jahren dauernden Kämpfen und Krisen ein Ende bereiten sollte. Schwer lastete die Verantwortung auf den Abgeordneten, denn ein nochmaliges Scheitern der Bundesrevision musste in die Katastrophe führen.

Schon war die Arbeit ein gutes Stück vorangeschritten, als die zentrale Frage zur Sprache kam, in welcher Form die Kantone in den Gesamtbund eingebaut werden können. Da prallten die alten Gegensätze aufeinander: entweder unbeschränkte Selbständigkeit der Kantone auf Kosten eines handlungsfähigen Gesamtstaates, oder ein Einheitsstaat, in dem die Kantone keine eigene Funktion mehr haben. Es gab unerbittliche Vertreter beider Möglichkeiten. Zwischen ihnen stand eine starke Gruppe, die zwar den einheitlichen Gesamtstaat wollten, aber unter Aufrechterhaltung aller 22 Kantone. An diesem Punkt entschied sich Gelingen oder Misslingen der Reform. Das drohende Eingeständnis, dass man nichts zustande bringe, hing wie eine dunkle Wetterwolke über dem Saal. Da fasste sich der Vertreter des Standes Schwyz ein Herz und suchte am Abend des 21. März nach der heftigen Diskussion Troxler auf. Es war Melchior Diethelm, der vor 28 Jahren in Luzern Troxlers Schüler gewesen war. Troxler übergab ihm das Büchlein über die Verfassung der Vereinigten Staaten und bat ihn, dasselbe in der Kommission zur Diskussion zu bringen, denn es enthalte die vollkommene Lösung der Lebensfrage der Eidgenossenschaft.

Nun war aber Diethelm der Vertreter eines Sonderbundskantons, und als solcher hatte er wenig Hoffnung, sich bei den Radikalen Gehör zu verschaffen. Der Vorstoß musste von einem unbescholtenen Vertreter lanciert werden. Auf den Rat Troxlers ging er mit dem Büchlein zum Solothurner Joseph Munzinger. Typisch war dessen erste Reaktion. Mit abwehrender Gebärde sagte er: «Viel zu doktrinär». Darin sprach sich ein Vorurteil aus, das viele gegen Troxler hegten. Diethelm ließ aber nicht nach und legte Munzinger nahe, das Büchlein wenigstens zu lesen. Er tat es und versprach, alles daran zu setzen, die Sache in der Kommission nicht nur vorzubringen, sondern durchzusetzen. In einem begeisterten Votum, wie man es aus seinem Mund selten gehört hatte, stellte Munzinger anderntags die Idee des Zweikammersystems mit all ihren wohltätigen Folgen und Möglichkeiten dar. Nach kurzer Diskussion wurde die Sache beschlossen, sodass selbst Munzinger und alle seine Kollegen wie vor einem Wunder standen. Am andern Tag meldeten sich Zweifler zum Wort und behaupteten, was da gestern beschlossen worden sei, sei in der Debatte nicht genügend zur Sprache gekommen. Es sei wie vom Himmel gefallen. Munzinger rief freudig bewegt: «Gewiss ist dieser Beschluss vom Himmel gefallen, denn es war der Tag des Niklaus von der Flüe (22. März).»

Nach 1848 wurde das Verdienst um das Zweikammersystem verschiedenen Personen zugeschrieben: dem Genfer James Fazy, dem Waadtländer Henri Druey und dem Solothurner Bundesrat Munzinger. Charles Secrétan hat in seiner Troxlerbiographie in den Biographies Nationales 1880 die Sache zurecht gerückt. Die drei genannten haben ihren Anteil an dem Werk, aber die zwei Romands kamen erst später dazu, das Zweikammersystem gutzuheißen. Der eigentliche Autor und Promotor ist Troxler.

In jenen Märztagen 1848 konnte die Verfassungskommission sein Wort annehmen oder verwerfen. Er war nicht persönlich anwesend. Seine Person blieb im Hintergrund. Umso ungehinderter konnte die Idee wirken.

(Aus Max Widmers Troxler-Biografie)

Troxler – Staatsphilosoph und Vorkämpfer des Bundesstaates

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Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866), der schweizerische Staatsphilosoph und bedeutendste Vorkämpfer des Bundesstaates verkörpert in seiner Persönlichkeit das große Ringen um das Werden der modernen Demokratie. Sein Leben und Kämpfen gibt ein anschauliches und eindrückliches Bild von den harten Auseinandersetzungen im wichtigsten Abschnitt der schweizerischen Staatsgeschichte. Bisher unbekannte Tatsachen und Begebenheiten werfen neues Licht auf die politischen Krisen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

«Es ist ungewöhnlich schwierig, Troxler in die üblichen politischen und geistesgeschichtlichen Klassifikationen einzuordnen … Da sich Troxler, universal gestimmt, wie er war, auf sehr vielen Gebieten fruchtbar betätigte – psychologisch-medizinisch, national-politisch, staats- und rechtsphilosophisch, im Bereiche der Religion und der Theologie, der Metaphysik, Logik und Ethik –, musste die Verwirrung und Unsicherheit in der Erfassung und Beurteilung seines Werkes nur steigen. Wo gehörte er hin? Wie war er zu bestimmen? Die Liberalen konnten ihn nicht zu ihrem Kreise zählen, obgleich er die Freiheit, religiös und politisch, für den ausschließlichen Sinn der menschlichen Geschichte hielt. Den Konservativen und Legitimisten, die am Gedanken der Restauration festhielten, galt er als verdächtig, da er demokratisch war und nicht gesonnen, die Rechte des Volkes … verkümmern zu lassen, obgleich auch Troxler den zu schaffenden Bundesstaat gemäß seinem naturrechtlichen Traditionalismus als eine Fortführung und Erneuerung der alten religiös-politischen Eidgenossenschaft begriff … Troxlers Werk ist zu Unrecht verschollen. Die Philosophie der Gegenwart, die sich um eine philosophische Anthropologie bemüht, wird in ihm einen noch unausgeschöpften Vorläufer erkennen.»

Hans Barth in der Neuen Zürcher Zeitung.

Hans Barth (1904–1965) war ein Sohn des Historikers und Altphilologen Hans Barth. Nach einem Studium der Jurisprudenz, das er 1928 mit der Promotion abschloss, arbeitete er von 1929 bis 1949 als Feuilletonredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, bei der er seit 1924 als Mitarbeiter tätig war. Ohne vorherige philosophische Promotion und Habilitation wurde Barth im Jahr 1946 zum Professor für Philosophie, politische Wissenschaft und Ethik an der Universität Zürich ernannt, deren Rektor er in den Jahren 1963 und 1964 war.

Ignaz Vital Troxler als Politiker –aus heutiger Sicht

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Christine Egerszegi-Obrist, alt Ständerätin, zur Pressekonferenz 2.3.2016

Der Einfluss des Politikers Ignaz Vital Troxler bis in die heutige Zeit ist unübersehbar. Er setzte sich vehement für ein Zweikammersystem nach nordamerikanischem Muster ein und wurde damit der „Erfinder“ des Ständerates. Im Nationalrat haben die grossen Stadtkantone das Sagen, denn dort wird die Sitzzahl gemäss der Bevölkerungszahl festgelegt, und dann je nach Parteienstärke besetzt. So hat der Kanton Zürich in der grossen Kammer 35 Sitze und die kleinen, wie Uri, Glarus nur je einen. Da im Ständerat jeder Kanton nur zwei Vertreter hat, erhalten die kleinen Landkantone mehr Gewicht. Das hat grosse Auswirkungen auf die Debatten: Nehmen wir z. Bsp. die Revision des Postgesetzes: Der Nationalrat hatte die Liberalisierung des Postmarktes beschlossen. Die Hauptargumente waren tiefere Preise durch vermehrten Wettbewerb und ein differenzierteres Angebot durch Private auch am Wochenende. Im Ständerat, in dem es keine Fraktionen hat, ging es um viel einfachere Bedürfnisse. Hier kämpften die Vertreter der Bergkantone dafür, dass ihre Bevölkerung wenigstens einmal pro Tag die Zeitung zugestellt erhalten. Diese Dienstleistungen in die hintersten Täler unseres Landes können ohne staatliche Unterstützung nicht erbracht werden, und es braucht einen zuverlässigen Service public. So hat der Ständerat der Privatisierung enge Grenzen gesetzt. Das Zweikammersystem, mit dem Nationalrat als Vertreter des Volkes und der Parteien und der Ständerat als Vertreter der Kantone, das ist der Schlüssel zum Gleichgewicht in einem Land mit verschiedenen Kulturen. Es ist die gültige Garantie für die Existenz und Gleichwertigkeit der Kantone. Für Troxler war der Miteinbezug von Minderheiten ein grosses Anliegen.

Troxlers Vorstellung des Schweizerischen Bundesstaates war ein Mittelding zwischen einem einheitlichen Zentralstaat und einem lockeren Staatenbund. Die grosse Gesetzgebung sollte dem Bundesstaat obliegen, die Umsetzung bleibt aber Sache der Kantone. Dabei sollte in den verschiedenen Regionen der Föderalrepublik die Religion, Kultur, Sprache und Lebensweise frei gestaltet werden können. Das bedeutet Vielfalt in der Einheit und kommt heute noch voll in der Bildung, im Gesundheitswesen, bei Steuern und Sicherheit zum Tragen und wird den vier Kulturen unseres Landes gerecht. Das mag in einer sogenannt „globalisierten Welt“ auf den ersten Blick umständlich erscheinen, dass es in diesen Bereichen noch immer 26 kantonale Gesetze gibt, aber es hat dazu beigetragen, dass alle Kantone ihre politische Kultur prägen und selber weiterentwickeln können. Auch wenn wir heute feststellen, dass die Tendenz oder auch die Notwendigkeit zur Harmonisierung immer grösser wird, weil die Mobilität der Leute viel stärker ist als früher, war und ist das ein wichtiger Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in der vielfältigen Eidgenossenschaft. Dieser Handlungsspielraum in der Umsetzung von Bundesrecht wird auch heute noch rege benutzt, man denke nur beispielsweise an die Gestaltung der Einkommens- und Vermögenssteuer. Das Subsidiaritätsprinzip, dass nur nach oben delegiert werden soll, wenn es die obere Ebene wirklich besser machen kann, ist nach wie vor gelebte Politk.

Das Verhältnis von Recht und Macht im Staat war für Troxler von besonderer Bedeutung. Das muss eins sein. Wie recht er hat: Macht ohne Recht ist Willkür und führt zur Diktatur. Recht ohne Macht verpufft, kann sich nicht durchsetzen. In einem Rechtsstaat muss das Verhältnis ausgeglichen sein. Das wurde gerade in der letzten Abstimmung noch einmal bestätigt. Das Volk ist der Souverän. Es hätte die Macht sich über bestehendes Verfassungsrecht hinwegzusetzen. Die satte Mehrheit war aber nicht bereit sich für eine neue Forderung in der Bundesverfassung über die bereits bestehenden – ebenfalls wichtigen Artikel, nämlich der Verhältnismässigkeit, der Einhaltung der Menschenrechte, der Gleichbehandlung aller hinwegzusetzen und so den Rechtsstaat zu gefährden.

Zum Schluss erlaube ich mir noch auf Troxlers Engagement für die Pressefreiheit hinzuweisen. Für ihn war die“ gegenseitige Belehrung die Grundlage freien Denkens und Handelns.“ Ja, wir sind uns auch heute sehr bewusst, dass eine freie Presse ein wichtiger Stammpfeiler jeder Demokratie ist. Deshalb unterstützen wir mit Entwicklungshilfegeldern in ehemaligen Sowjetländern im Kaukasus Institute für die Ausbildung von Journalisten und lehnen jede Zensur ab. Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass die Pressefreiheit nicht nur vom Staat her gefährdet sein kann. Sie kann es auch sein, wenn man gewisse Gedanken nicht frei äussern kann, damit die absolute Ausgewogenheit der Meinungen in einem öffentlichen politischen Diskurs eingehalten wird, oder damit nachher kein Inserateboykott gewisser Kreise ausgesprochen wird…

Troxler ist eine spannende Persönlichkeit der die Willensnation Schweiz entscheidend mitprägte und es lohnt sich, dass wir uns in diesem Jahr mit seinem politischen Vermächtnis auseinandersetzen. Mir gefällt an diesem Urliberalen dass er nicht nur messerscharf und schonungslos Missstände im Land analysiert hat, sondern auch gangbare Wege zur Verbesserung aufgezeigt hat. Minderheiten mussten einbezogen werden, Verlierer einer Auseinandersetzung wurden integriert und durften nicht gedemütigt werden.

Ein wichtiges Gedenkjahr für die Politik!